Kein Kindle in der Krippe?

Entgegen den allgemeinen Trend, der ausgehend von Amazon in den USA auch die deutschen Buchkonzerne beflügelt, sind Ebooks am österreichischen Markt ungeliebte Ladenhüter. Angeblich sind die Absatzzahlen so gering, dass sie nicht in Prozentzahlen auszudrücken sind, so Michael Kernstock, Obmann des Fachverbandes Buch- und Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer zum Online-ORF. Laut einer Umfrage des Hauptverbandes des Österrechischen Buchhandels wollen 36 Prozent der Verlage überhaupt nicht ins Ebook-Geschäft einsteigen. Fazit der ORF-Journalistin Claudia Glechner: „Der österreichische E-Book-Markt liegt am Boden.“

Was ist davon zu halten? Sind die österreichischen Konsumenten ein weltweit einzigartiges Phänomen, wie die Zwerge hinter den sieben Bergen, die mit der neuen Buch-Welt nichts zu tun haben wollen? Oder schauen die Verantwortlichen in einen trüb gewordenen Zauberspiegel, der auf die Frage „Was wird gelesen im ganzen Land?“ nur noch ein Zerrbild liefert?

In meiner Welt nämlich, klingelt fast täglich zweimal der Postmann. Ich arbeite oft zu Hause und bin in unserem Wohnhaus eine der wenigen, die tagsüber die Tür öffnen. Der Postmann bringt meistens die Bücher für meine Nachbarn. In meiner Welt treffe ich die Klassenkameraden meines 11jährigen Kindes, die fast alle mit den neuesten Technikgadgets hochgerüstet sind. Kaum jemand kann mit einem Wörterbuch umgehen, aber alle sind bestens mit Leo vertraut. In meiner Welt kennen alle Amazon und iTunes und fast niemand einen guten Buchladen.

Wenn der Branchen-Handelsriese Thalia – laut Financial Times Bericht – die Verkaufsfläche für Bücher auf 60 % reduzieren will, und verzweifelt um eine Strategie ringt, den Anschluss im Online-Geschäft nicht zu verlieren; Wenn junge Leser gewohnt sind, im Buchhandel Papierwaren zu kaufen und Lesestoff auf Amazon und iTunes; Wenn besorgte Autoren, die enorme Arbeit und Zeit in ein Buch gesteckt haben, sehen, dass es Verlage und Buchhandel nicht unter die Leute sondern nur in verstaubte Regale bringen; Dann ist es höchst an der Zeit die Scheinwelt des erhobenen Datenmaterials kritisch zu prüfen.

Denn es ist absehbar, dass in einigen Wochen Kindles unter dem Weihnachtsbaum liegen werden. Daneben auch eine Fülle neuer Geräte, die so gut wie alles können, nicht zuletzt eben auch eine schier unbegrenzte Flut an Lesestoff in wenigen Sekunden aus dem Netz holen und in prima Qualität anzeigen. Autoren und Leser in Österreich werden nicht darauf warten, bis die Buch-Funktionäre, statt in den Schneewittchen-Spiegel überholter Daten, einfach mal aus dem Fenster schauen.

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