Die Buchwelt ohne Oprah Winfrey

Scheinbar ist es unmöglich, über Bücher und Lesen zu diskutieren, und die sich einschleichende Nostalgie in den Griff zu bekommen. Beklagend besetzt sie das unangesprochene Zentrum der Reflexionen, dass das Buchzeitalter und damit die Bildungsideale vor dem Ende stünden. Trotzig hält sich die Illusion von einer schillernden Vergangenheit, in der Menschen vom Bücherlesen gescheiter und nicht von Massenmedien verblödet waren.

Ted Striphas ist kein Gefühlsmensch, sondern ein sehr nüchterner Medienwissenschaftler. Mit The Late Age of Print lädt er seine Leser dazu ein, die moderne US-amerikanische Buchwelt so zu betrachten, wie sie ist: eine Konsumwelt in einer populistischen kapitalistischen Demokratie. Und so weit ist die Europäische Kultur davon nicht entfernt, dass sich ein Vermessen der Bücher in Relation zu anderen Verbrauchsgütern nicht lohnen würde.

Um hier nicht zu polemisch zu wirken, Bücher sind nicht einfach Teil des Konsumkapitalismus. Bücher stehen viel mehr am Anfang dieser Entwicklung, sind ein fundamentaler Teil aus dem sie sich speist und der Schlüssel zum Verständnis von Wandel und Verwandlung der Konsumkultur. Für den Anfang sei hier erwähnt, dass Buchhandlungen das Modell der späteren Supermärkte waren. Hier wurden die Regale nicht hinter dem Verkaufstresen aufgestellt, sondern im zugänglichen Verkaufsraum – und das noch lange bevor das Wort „Selbstbedienung“ erfunden war.

Aber kommen wir zurück zur allseits beschworenen Nostalgie über das angebliche Verschwinden der Bücher. Striphas stellt dem die nüchterne Frage entgegen, was Menschen überhaupt dazu verleitet, Bücher zu lesen. Und das führt direkt in die Bereiche, über die die Literaturkritik gerne die Nase rümpft und für die sich Bildungsbeamte nicht zuständig fühlen: Harry Potter und – in den USA – Oprah Winfreys Buchklub.

1996 eröffnete Oprah ihren Buchklub mit den Worten „I want to get the whole country reading again.“ Niemand ahnte, dass das aus damaliger sicht recht ambitionierte Ansinnen ein Massenphänomen auslösen würde. Jacquelyn Mitchards Deep End of the Ocean stürmte nach der Buchbesprechung bei Oprah alle Bestseller-Listen. Das plötzliche Interesse einer breiten Masse an Lesern veränderte den us-amerikanischen Buchmarkt fundamental. Oprahs Buchklub bestimmte regelmäßig die Bestsellerlisten der New York Times und brachte das Thema Bücher auf die Titelseiten der Zeitungen.

Wichtiger aber ist, dass Oprah es wirklich schaffte breite Schichten der Bevölkerung zum Lesen zu bringen. Vor allem farbige Frauen, Frauen mit niedrigem Bildungskapital, Frauen aus kleinen Verhältnissen, Frauen, am Rand der Gesellschaft. Ein, nach den Regeln des Medienmarktes, verrücktes Mimikry-Spiel gelang und ein populäres TV-Format übertrug Reichweiten in ein anderes Medienformat.

Der Buchklub ist seit 25. Mai 2011 Geschichte, aber Striphas Untersuchung zu den Strategien, die Oprahs Empfehlungen zum US-Buchmarktgesetz werden ließen, sind aktueller denn je. Die Marktdynamiken, die der Buchklub freisetzte sind maßgeblich für das Verständnis des Konsumgutes „Buch“ und Phänomene wie „Harry Potter“. Ein faszinierender Aspekt dabei ist, wie der Buchklub Lesen um die soziale Dimension erweiterte und an der Demarkationslinie zwischen Literatur und realem Leben verspielt vorbeitalkt.

Gerade in unseren Breiten, wo sich Literatur und Selbstmitleid so oft die Hand geben, sei ein Blick in The Late Age of Print ans Herz gelegt. Die freudlose Allianz aus am Hungertuch nagenden Autoren und Kleinverlagen mit einem kaltschnäuzig einfallslosen Ketten-Buchhandel muss nicht sein (siehe Michael Amonfür eine exzellente Beschreibung von der aktuellen Situation in Österreich in XING 19)!

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